Ich habe dich geliebt

Ich habe Dich geliebt - ein Dokumentarfilm von Rosa Hannah Ziegler -
Festivalpremiere auf der Duisburger Filmwoche am 07.11.20

3sat und die Duisburger Filmwoche präsentieren - EXTRA:
Elena Meilicke im Gespräch mit Rosa Hannah Ziegler

Ganz nah bei ihren Protagonist*innen, deren Leben von Vernachlässigung und gescheiterter Kommunikation geprägt ist: Rosa Hannah Ziegler gibt ihnen eine Stimme und
eine Schönheit. Ihre Filme dringen tief in die Struktur und Dynamik von Familienbeziehungen ein und konter- karieren gängige Klischees. Im 3sat-Extra spricht die Regisseurin u.a. über das Filmen von Familien und die Rolle von Landschaften und Architekturen im Nachzeichnen von Seelenhaushalten.

Gegen Ende von „Familienleben“ (2018) sieht man einen Mann mit Cowboy-Hut vor seinem Computer sitzen und Musik hören: „Words don’t come easy“, eine 1980er-Schmonzette. Die Kamera zeigt ihn im Profil, ihm kommen die Tränen; er nimmt die Brille ab und wischt sich die Augen. Die Szene ist groß, sie gräbt sich ein und sticht heraus, und das nicht nur, weil sie die kathartische Wirkung von Popmusik ernst nimmt. Sie ist – Tränen statt Worte, ein Liedtext, der über ungesagte Worte nachdenkt – auch effektiver Kontrapunkt; denn gerade das Sprechen spielt in den Filmen von Rosa Hannah Ziegler eine große Rolle. Ihr Thema sind Familienbeziehungen, die von Brüchen geprägt sind, ihre Protagonist·innen Menschen, die Vernachlässigung und Missbrauch erlebt haben. Sie sind traumatisiert und finden dafür, entgegen landläufiger Erwartung, Worte – schöne und genaue, förmliche und ausgefallene. Aus dem Off heraus beschreiben sie verfahrene Verhältnisse zwischen Eltern und Kindern, Gefühle von Einsamkeit und Verzweiflung:

„Stell dir mal vor, du bist in einem Kreis drinnen. Überall in diesem Kreis sind Hindernisse... Die Mauer, die an dem Kreis dran ist, ist so hoch, du kommst nicht drüber. Du bleibst drinnen.“ Sagt Alfred, der Mann mit dem Cowboy-Hut, über sein Lebensgefühl.

Das Bild kann auch als Beschreibung für die Filme von Ziegler dienen. Auch die ziehen einen Kreis und bleiben drin, mit aller Konsequenz, ganz nah bei ihren Protagonist·innen; sie betreiben Abgrenzung, praktizieren radikale Konzentration und Reduktion. Das macht ihre Intensität aus, macht es manchmal auch schwer zuzuschauen. „Du warst mein Leben“ (2017), der 2018 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, inszeniert und dokumentiert die Wiederbegegnung von Yasmin, die ihre Jugend in Heimen verbracht hat (sie war bereits Hauptfigur in Zieglers Kurzfilm „A Girl’s Day“ von 2014), mit ihrer Mutter.
In einer gesichtslosen Hochhaus-Ferienwohnung, direkt an der Nordsee, treffen beide aufeinander und ringen darum, ins Gespräch zu kommen: „Eine schmerzhaft ablenkungsfreie Situation,“ schrieb die Grimme-Jury, „ein bedrückendes Kammerspiel ohne Komfortzone“. Der Film arbeitet mit langen, statischen Einstellungen und Bildkompositionenaus klaren Horizontalen und Vertikalen. Zieglers Filme, die alle in der nord- und mitteldeutschen Provinz angesiedelt sind, strahlen Nüchternheit und Strenge aus, graugrüne Landschaften und verhangene Himmel. Dazwischen aber auch ein Morgen, der lila leuchtet, und ein Mädchenhaarschopf im gleichen Farbton.

Ausgehend von konkreten Filmausschnitten geht es im 3sat-Extra-Gespräch mit Rosa Hannah Ziegler um die besondere Schockwirkung von Schicksalsschlägen, die wie nebenbei erzählt werden, und die Rolle von Landschaften und Architekturen im filmischen Nachzeichnen von Seelenhaushalten; es geht um das Filmen von Familien, um die Frage, inwieweit Dokumentarfilme eine therapeutische Dimension haben oder nicht – und um TikTok als ästhetische Praxis.
Elena Meilicke

Weitere Infos zum Film https://www.3sat.de/film/ab-18/ab-18---ich-habe-dich-geliebt-100.html